Text entnommen aus:
Dunkle Sonne

Weitere Leseprobe unter epilog.de

Terminiert

Ikondrars Versuchung

Ikondrar wischte sich mit einem Tuch den zerstampften Gelbwurz von den Händen, mit dem er die magischen Symbole auf den Boden gezeichnet hatte. Einhundertelf Kerzen, mit selbstgefertigtem Wachs eigenhändig gegossen, erleuchteten flackernd die Höhle. Die Kerzen waren in einem weiten Halbkreis angeordnet und umgaben eine Mischung seltener Pulver, die in einem tönernen Gefäß auf dem Boden stand. Ikondrar hatte mehrere Tage für die Zubereitung der Mischung benötigt. Wich die Menge nur einer Zutat unwesentlich vom Rezept ab, konnten die Folgen tödlich sein. Doch Ikondrar war neugierig und bereit, dieses Risiko einzugehen.

Es war Zeit, sein Werk zu vollenden. Vorsichtig entzündete er ein langes Feuerholz, hielt es über das Gefäß mit dem Pulver und ließ es fallen. Ein lautes Zischen, eine kleine Stichflamme, und die Höhle war innerhalb von Sekunden mit übelriechendem Qualm gefüllt. Ikondrar spürte die Präsenz eines mächtigen Geschöpfes. Durch den wabernden Rauch konnte er organische Formen ausmachen. Wie blutiges Gedärm schwebte eine ineinander verschlungene Masse über dem Boden, regte sich fast unscheinbar. Entsetzlicher Gestank schlug Ikondrar entgegen, als sich eine faulige Fratze zwischen den sich windenden Tentakeln erhob.

»Erlöse mich!« flehte eine jammervolle Stimme. »Ich habe genug für meine Sünden gebüßt.«

»Schweig!« rief Ikondrar. »Dein Wunsch soll erfüllt werden. Doch zuerst musst du mir einen Blick in die Zukunft ermöglichen.«

»Befreie mich von meiner Qual. Ich kann sie nicht länger ertragen!«

»Offenbare mir zuerst die Zukunft«, befahl Ikondrar. »Wie wird es mir ergehen?«

»Zukunft?« Die faulige Fratze verfiel in lautes Gelächter. »Eine Zukunft gibt es nicht. Nicht für dich oder sonst jemanden auf diesem Planeten. Die Sonne wird in wenigen Monaten im Todeskampf die Erde an sich reißen und allem irdischen Leben das Ende bereiten. Du wirst sterben, Zauberer!«

»Du lügst!« schrie Ikondrar. »Und für diese Unverschämtheit verlangst du das Ende deiner Qual ...?«

Mit der Fußspitze stieß er das tönerne Gefäß beiseite und beobachtete, wie die Kreatur zurück zur spirituellen Ebene gezogen wurde. Sie schien sich selbst zu verzehren und dabei die Raumstruktur zu verzerren. Kurz bevor sich der Zugang zur Geisterwelt gänzlich schloss, griff eine unbarmherzige Energie nach ihm und entzog ihm innerhalb eines Augenblickes einen Teil Seelenessenz. Ikondrar hätte schwören können, danach keine Veränderung wahrzunehmen. Dennoch wusste er, dass sich sein Gefühl irrte. Je öfter er die Kreaturen der Unterwelt ins reale Universum zwang, um so mehr würde er von sich selbst aufgeben und irgendwann nur noch als seelenloser Geist in einem menschlichen Körper hausen.

Ikondrar fiel geschwächt auf die Knie. Er spürte den Schmerz kaum, da er instinktiv wusste, dass ihn die schreckliche Fratze nicht angelogen hatte. Diese Erkenntnis erschütterte ihn bis in die tiefsten Winkel seines Verstandes, und die Angst vor dem baldigen Tod gewann in seinem Bewusstsein die Oberhand.

Ikondrar erhob sich mühsam, während seine Gedanken aufgeschreckt in alle möglichen Richtungen strebten. Durch sein neu errungenes Wissen hatte er sich Zeit verschafft, und er beabsichtigte, diese Zeit so einträglich wie möglich zu nutzen. In tiefer Vergangenheit hatte es ein Zeitalter gegeben, in dem die Menschen den Hochmut besaßen, mit purer Wissenschaft den Weg zu anderen Welten zu wagen. Einige seiner ältesten und wertvollsten Folianten berichteten über imposante Raumschiffe aus Metall, Gold oder glitzerndem Kristall, angetrieben durch einen Feuerstrahl aus fixiertem purem Licht. Vielleicht fand er so einen Weg, dem drohenden Unheil zu entgehen.

 

Noch immer benommen, lief Ikondrar über den Friedhof, der nur wenige hundert Meter von seinem Anwesen entfernt war. Im Laufe der Jahre hatte er den größten Teil der noch halbwegs intakten Gräber geöffnet und die Überreste der Toten, darunter auch einige unbedeutende Magier, für seine Experimente verwendet. Gerade die Leichen spirituell begabter Geschöpfe verwesten nur sehr langsam, bis die letzten Reste magischer Energien im feuchten Boden versickert waren. Durch die Bruchstücke des zerborstenen Mondes beleuchtet, hoben sich die Umrisse von Grabsteinen und toten blattlosen Bäumen vor der Nacht ab. Ein kleines Irrlicht, die von Ikondrar im Weltlichen fixierte Seele eines Geistlichen, wies dem Zauberer den Weg. Er hatte viele solcher Irrlichter gekapselt und benutzte die gefangenen Seelen hauptsächlich, um sein riesiges Anwesen – ehemals die Residenz hochherrschaftlicher Adelsgeschlechter, hinweggerafft durch eine heimtückische Krankheit – zu beleuchten.

Ikondrar stellte sich vor das mit Eisen beschlagene Eingangsportal und sprach eine Beschwörungsformel, die Zahnräder und Kolben in Gang setzte und den Schlossmechanismus aktivierte. Er betrat den Empfangsraum, der mit handgefertigten, jedoch inzwischen löchrigen Teppichen ausgelegt war. An den Wänden hingen unzählige mechanische Uhren aller Zeitalter und gaben ein vielstimmiges geschäftiges Ticken und Klacken von sich. Ikondrar liebte diese Uhren, ebenso wie er in jedwedes andere mechanische Gerät vernarrt war.

Schritte kamen näher. Am Surren und Rattern erkannte er, dass es sich nicht um einen Dieb, sondern um seinen mechanischen Diener handelte. Damals hatte er allein zwei Wochen für die Fertigstellung der filigranen goldenen Finger gebraucht, deren Gelenke so tadellos wie die einer menschlichen Hand funktionierten. Der Butler trat durch die Tür und lief zielgerichtet auf Ikondrar zu. Sein starres Metallgesicht reflektierte den Schein einiger Irrlichter. Als hätte man einen Schalter umgelegt, blieb er plötzlich stehen und wartete auf Anweisungen – Ikondrar hatte absichtlich darauf verzichtet, ihn mit einer Sprachmechanik auszustatten. Gewöhnlich pflegte er sich nach dem Heimkommen mit einer guten Tasse Tee aufzuwärmen, doch dafür hatte er jetzt keine Zeit. Ikondrar winkte die Maschine beiseite und lief mit schnellen Schritten zur Bibliothek. In den altersschwachen Nußbaumregalen lagerten an die dreitausend Bücher. Viele davon ehemals im Besitz mächtiger Magier, Hexen oder Wunderheiler, über die die Zeit das Gespinst des Vergessens gebreitet hatte. Einige Exemplare waren so alt, dass Ikondrar die Seiten nur mit reiner Geisteskraft umwenden konnte. Sie wären sonst zu Staub zerfallen.

Ikondrars Blick glitt suchend über die gegerbten dunklen Bücherrücken und fand schließlich, was er suchte. Ein schmaler unscheinbarer Band mit dem Titel Himmelsschiffe. Er zog das Buch aus dem Regal, setzte sich auf den Hocker in der Mitte des Zimmers und blätterte durch die erstaunlich gut erhaltenen Seiten. In den Berichten war die Rede von Sternenschiffen, die zum Mond geflogen waren, bevor dieser durch eine kosmische Katastrophe in unzählige Stücke zerbrach. Auch die Welten des Mars waren von den Menschen erforscht worden. Die mutigen Männer und Frauen hatten jedoch nur Tod und Verderben gefunden, als sich die Geister der verstorbenen Marsianer ihrer angenommen hatten.

Das größte Vorhaben, eines der sonnennächsten Licht-Gestirne anzufliegen, scheiterte kurz vor der Vollendung. Das über hundert Meter hohe gläserne Schiff stand wartend in der Rampe, wurde jedoch nie gestartet. Warum, konnte Ikondrar dem Buch nicht mehr entnehmen. Die entsprechenden Seiten waren herausgerissen, und der Rest des Buches bestand nur noch aus wissenschaftlichen Erläuterungen.

Ikondrar kratzte sich am kahlen Schädel. Er war sich ziemlich sicher, dass es das Schiff noch geben mußte, und er glaubte auch zu wissen, in wessen Besitz es sich befand. Vor einigen Jahren hatte er einen Dieb bei seinem flinken Handwerk erwischt. Der Eindringling hatte nicht mit Ikondrars ausgeklügeltem Fallensystem gerechnet und sich in einem Segment gefrorener Zeit gefangen. Nachdem Ikondrar das Zeitsegment mit einer Luftbarriere umgeben hatte, hatte er den Zeitablauf auf das normale Maß beschleunigt und dem Dieb verschiedene Fragen gestellt. Hatte ihm die Antwort gefallen, ließ er den Zeitfluß unverändert, zweifelte er jedoch am Wahrheitsgehalt des Gesagten, beschleunigte er den Zeitfluß um ein entsprechendes Maß.

Nachdem der Dieb seinen Wissensvorrat erschöpft hatte, verließ er gebeugt, mit grauen Haaren und brüchigen Knochen das Anwesen. Ikondrar hatte auf diese Weise von einem gläsernen Sternenschiff erfahren, das sich in Korellanders Besitz befand. Ikondrar hielt diese Information für so interessant, dass er den Dieb laufen ließ, obwohl seine Pflanzen schon länger als üblich hungerten. Er war einfach zu glücklich, um sich jetzt mit der Fütterung zu beschäftigen.

Ikondrar wußte nun, in welcher Richtung er zu suchen hatte, und das verschaffte ihm einen unbezahlbaren Vorteil.

 

Mit zerbrechlichen Uhrmacherwerkzeugen richtete Ikondrar die letzten Schrauben am empfindlichen Metallkörper. Acht bläulich schimmernde winzige Füße bewegten sich in einem gleichmäßigem Rhythmus, während ein kaum hörbares Surren erklang. Ikondrar erfaßte den scharfkantigen Käferkörper mit spitzen Fingern und drehte ihn auf den Bauch. Die größte Bewährungsprobe für das metallene Insekt stand noch bevor. Ikondrar griff nach einem kleinen Fläschchen mit einem Trunk, den er am Abend zuvor zubereitet hatte, und leerte es in einem Zug. Die bittere Flüssigkeit brannte wie schlechter Alkohol in seiner Kehle und hinterließ ein pelziges Gefühl auf seiner Zunge. Einige Minuten später spürte er die ersten Auswirkungen. Er hatte den Eindruck, als würde sein Bewusstsein auseinandertreiben. Ein Teil löste sich von ihm und schwebte langsam zur Decke. Sein körperliches Ich schloss die Augen, um durch die optische Überlagerung nicht die Orientierung zu verlieren. Die Bilder, die sein abgetrenntes Bewusstsein lieferte, waren fast monochrom und merkwürdig verzerrt. Seltsamerweise empfand er es nicht als beängstigend, sich auf diese Art zu verändern. Das körperlose Bruchstück seines Bewußtseins schwebte zum Tisch herunter, drang in den metallenen Körper des Käfers, schloss die Verbindungen zu den Sinnesorganen und erfüllte ihn mit Leben.

Im ersten Moment erlebte Ikondrar die Eindrücke als Schock. Die goldenen Flügel des Insekts entfalteten sich unkontrolliert, um die Luft zu peitschen. Doch die Desorientierung währte nur kurz. Nach einigen Minuten konnte er zielgerichtet über den Tisch krabbeln, und auch die Flügel bewegten sich mit erstaunlicher Sicherheit. Er setzte zu seinem ersten Flugversuch an, schwebte einige Zentimeter in die Höhe, begann dann jedoch leicht zur Seite abzudriften. Aus Angst, neben dem Tisch ins Bodenlose zu stürzen, hielt er die Flügel augenblicklich starr und fiel zurück auf die Tischplatte. Der zweite Versuch klappte schon besser, und Ikondrar flog mit wachsendem Vergnügen einige Runden an der Zimmerdecke.

 

Mit dem Spruch der räumlichen Versetzung teleportierte sich Ikondrar in die Nähe von Korrellanders Anwesen. Wie es schien, liebte Korrellander die Zurückgezogenheit und verabscheute Besuch. Die Burganlage, deren Mauern sich in luftige Höhen reckten, war zur Hälfte mit Kletterpflanzen bewachsen, deren metallene Dornen kalt im Licht der sterbenden Sonne blitzten.

Korrellanders Reich strahlte Düsternis und Verfall aus, und nirgendwo war die Bewegung von Lebewesen oder gar frisches Grün auszumachen. Die wenigen Bäume waren schon vor Jahrzehnten verdorrt und ragten nur noch als verrottende Stummel in den blutrot leuchtenden Himmel. Eine ölig glänzende Wasserfläche erstreckte sich rechts von ihm.

Ikondrar schaute in den Sonnenball. Das Muttergestirn schien heute besonders riesig und ergoss sein altersschwaches Licht über die weite, sanft geschwungene Landschaft. Am Horizont konnte er die schartigen Formen entfernter Gebirgszüge ausmachen. Schwacher Wind wehte aus Richtung der Wasserfläche und trug die erdigen Gerüche faulender Vegetation herüber. Ikondrar schaute sich nach einem sicheren Unterstand um, konnte jedoch keine geeignete Stelle entdecken. In der Nähe eines fast schwarzen Baumstumpfes mit einem Durchmesser, dass man bequem eine Hütte darauf errichten konnte, hockte er sich auf den Boden, stellte die Schatulle mit dem Metallkäfer vor sich hin und verfiel für einige Augenblicke in tiefe Meditation. Mit klammen Fingern zog er dann das Fläschchen mit der Mixtur aus seinem Mantel und trank es aus. Dieses Mal wirkte der Trank ohne Verzögerung. Ein Teil seines Bewußtseins löste sich von ihm und verband sich mit dem bis dahin seelenlosen Metallkörper. Ikondrar hatte augenblicklich die Kontrolle über seine mechanische Schöpfung und schoss mit wild schlagenden Flügeln nach oben. Er erreichte schnell eine Höhe von zehn Metern und flog auf Korrellanders Burg zu. Schwacher Wind zwang ihn, leicht gegenzusteuern, während die Burg immer bedrohlichere Züge annahm. Die Spitzen der Türme liefen in gebogene, scharfkantige Formen aus, die sich drohend in den Himmel reckten.

Nach einigen Minuten entdeckte er ein offenes Fenster, auf das er zusteuerte. Eine Fackel erhellte den Raum und ließ die Umrisse von Bücherregalen erkennen. Die eng stehenden Gitterstäbe waren für Ikondrar kein Hindernis. Schnell schlüpfte er zwischen den Stäben hindurch und landete hart auf dem holzgetäfelten Boden. Ikondrar war durch den Dieb an wertvolle Informationen gelangt. So wusste er auch, dass der Zugang zum Sternenschiff nur durch ein Portal in Korrellanders Burg möglich war. Ikondrar vermutete, dass Korrellander das Sternenschiff in eine Raum-Zeit-Blase eingeschlossen und in eine parallele Dimension verschoben hatte, die nur ihm zugänglich war.

Er musste einen Weg zum Portal finden und Korrellander unschädlich machen. Für seinen Rivalen hatte er ein Gift vorbereitet, das das Blut innerhalb von Sekunden verdickte und für einen schnellen Tod sorgte. Er hatte zwei Möglichkeiten, Korrellander das Gift zu verabreichen. Die gefährlichere bestand darin, ihm das Gift mit einem Stachel einzuspritzen. Er hatte das Insekt entsprechend vorbereitet. Lieber wäre es Ikondrar jedoch gewesen, Korrellander das Gift in ein Getränk zu geben. Es wirkte dann zwar langsamer, aber die Verabreichung war wesentlich unauffälliger zu bewerkstelligen.

Ikondrar kroch durch den schmalen Türspalt am Boden auf einen langen Korridor hinaus. Blaues Licht elektrischer Energie erhellte den Raum. Ikondrar überfielen plötzlich Zweifel an seinem Vorhaben. Seine durch Jahrhunderte geschärften Sinne nahmen unzählige Fallensysteme wahr. Falltüren, die sich in dornengespickte Gruben öffneten, in Wänden verborgene Katapulte, die mit Gift gefüllte Geschosse auf unerwünschte Eindringlinge schleuderten, magische Felder, die den bedauernswerten Pechvogel, der seinen Fuß darauf setzte, mit allen möglichen Naturgewalten attackierten. Korrellander war entweder sehr vorsichtig und ängstlich oder einfach nur verrückt.

Trotz der vielfältigen magischen Energien, die Korrellanders Burg ausstrahlte, war für Ikondrar die kraftvolle Präsenz des Portals deutlich auszumachen. Es lag zwei Stockwerke tiefer und rief ihn mit lockender Stimme.

Ikondrar bewegte sich langsam, aber zielstrebig den Flur entlang, mit der Hoffnung, dass sein unbedeutendes Gewicht von den meisten Fallensystemen unbemerkt blieb. Etwas seltsam empfand Ikondrar die bizarre Geräuschkulisse, die gedämpft aus einigen verschlossenen Räumen drang. Da gab es Töne von Spieluhren wie aus einem Kinderzimmer. Ein auf- und abschwellendes Stöhnen lag kaum merklich im Hintergrund, und aus einem anderen Zimmer klang ein Geräusch wie von Hunderten zuschnappender Scheren und ein metallisches Rasseln und Klappern. Das Stöhnen beunruhigte Ikondrar am stärksten. Es berührte in seiner beängstigenden Eindringlichkeit Saiten seines Unterbewusstseins und legte nackte Angst in ihm offen.

Ikondrar erreichte das Ende des Flurs und damit einen Treppenabgang. Er konnte sich die einzelnen Stufen nicht herunterfallen lassen, da er befürchtete, die empfindlichen Füße des Insektes zu beschädigen. Er entfaltete die Flügel, erhob sich langsam vom Boden und steuerte in die düstere Ungewissheit des tiefer gelegenen Stockwerkes. Unten angekommen, verharrte er einen Augenblick. Unnatürliche Stille füllte einen weiteren Gang vor ihm. Ikondrar bewegte sich noch langsamer und vorsichtiger als zuvor, jeden Augenblick damit rechnend, von einer heimtückischen Falle zerschmettert, verbrannt, zerrissen oder auf andere Art vernichtet zu werden. Doch nichts dergleichen geschah. Der am anderen Ende von einer fast verbrauchten Fackel erhellte Flur erwies sich als ungefährlich – zumindest für ein so winziges Geschöpf.

Auf halber Wegstrecke zum nächsten Treppenabgang öffnete sich plötzlich eine Tür, und die lange, sehnige Gestalt Korrellanders betrat den Korridor. Korrellander strahlte mit seinem blassen, fast aristokratisch wirkenden Gesicht und dem schweren, dunklen Umhang, der bis zum Boden reichte, eine beinahe körperlich spürbare Dominanz aus.

Ohne lange Überlegung entschied sich Ikondrar für den gefährlicheren Plan. Schnell erhob er sich in die Luft und suchte nach einer geeigneten Angriffsfläche. Da der Umhang den Körper Korrellanders fast gänzlich bedeckte und eine Attacke ins Gesicht des Zauberers wohl die dümmste Vorgehensweise war, entschied sich Ikondrar, Korrellander das Gift in die feingliedrige Hand zu spritzen.

Ikondrar näherte sich Korrellander von der Seite. Vorsichtig landete er auf dem dünnen Stoff des Handschuhs und klammerte sich mit winzigen Widerhaken an das fein gearbeitete Gewebe. Er drückte den Käferkörper so flach wie möglich an den Stoff und ließ die Injektionsnadel herausgleiten. Korrellanders Hand zuckte beim Einstich zurück. Ikondrar verlor den Halt und fiel zu Boden. Kurz vor dem Aufschlag öffnete er die Flügel und fing die meiste Energie seines Sturzes ab. Trotzdem prallte er unsanft auf und spürte, wie zwei der Metallfüße wegsplitterten. Obwohl er keinerlei Schmerz empfand, verspürte er leichtes Unbehagen. Vorsichtig prüfte er die verbleibenden sechs Füße, als er einen dumpfen Schlag hörte, der den Boden erschütterte. Durch die fehlenden Füße und einige verzogene Gelenke behindert, drehte sich Ikondrar vorsichtig nach hinten. Korrellander lag leblos und mit verdrehten Augen am Boden. Reglos wartete Ikondrar einige Augenblicke. Als sich der Zauberer auch danach nicht mehr bewegte, wagte er seinen Weg fortzusetzen. Ikondrar konnte es nicht glauben. Korrellander galt als bösartig und verschlagen, und dennoch lag er jetzt tot in seiner eigenen Burg, an einem künstlichen Insektenstich verreckt.

Ikondrar warf einen letzten zweifelnden Blick auf den bewegungslosen Körper und setzte seinen Weg fort. Ein weiteres Stockwerk tiefer spürte er die übermächtige Präsenz des Portals. Er wußte genau, hinter welcher der eisenverstärkten Holztüren es sich befand, und kroch wieder durch den Türspalt am Boden. Der Raum, in dem er sich nun befand, glich einer religiösen Gebetsstätte, die eher durch Größe und Architektur Ehrfurcht erweckte als durch prunkvolle Ausstattung. Dieser riesige Saal übertraf Korrellanders Burg in Ausdehnung und Höhe, also musste er zum Teil in jene Bereiche hineinragen, zu denen das Portal den Übergang ermöglichte. Das Dimensionstor, das einen eher technischen als magischen Eindruck erweckte, befand sich auf einem Podest, zu dem marmorne Stufen hinaufführten. Das Portal selbst hatte die Form eines flachen Ovals. Eine bläulich schimmernde Membrane, die sich wie eine schwach bewegte Wasserfläche leicht kräuselte, füllte die gesamte Öffnung. Ikondrar vermutete, dass gewaltige elektrische Energie die Membrane erzeugte. Er hielt inne. Es war Zeit, sein Bewusstsein zusammenzuführen.

Der abgetrennte Teil von Ikondrars Bewußtsein löste sich aus dem Körper des Insekts, und er spürte fast schmerzhaft, wie er den Kontakt zu den künstlichen Sinnesorganen verlor. Die Zusammenführung seines geteilten Bewusstseins geschah fast im selben Moment. Er verlor die Besinnung und kam kurz danach am Boden liegend wieder zu sich. Mit zitternden Füßen erhob er sich, spürte die nasse Kälte in seinen Kleidern und zog fröstelnd den Umhang fester.

Von Norden waren dichte Wolkenberge herangezogen, und Blitze zuckten am Horizont. Ikondrar bereitete seinen letzten Zauber vor. Er tastete mit seinen Sinnen in Korrellanders Burg und erfühlte den zurückgelassenen Insektenkörper schon nach wenigen Augenblicken. Er hob die Arme, ließ seine magischen Energien durch die Hände fließen und sprach erneut den Spruch der räumlichen Versetzung. Die Umgebung wischte in dunstigen Schlieren an ihm vorbei und formte sich zum Bild des blau schimmernden Portals, umgeben von der majestätischen Größe der Kathedrale.

Seltsam benommen stieg er die marmornen Stufen hinauf, geradewegs auf die schimmernde Membrane zu. Er verharrte einen Augenblick, und erneut schossen ihm Zweifel durch den Kopf. Als er durch das Portal trat, war der Übergang so unspektakulär, als würde er aus einer einfachen Tür ins Freie treten. Er erblickte die vertraute Landschaft des Dunkelmoors. Am Himmel stand keine kränkelnde, kurz vor dem Verlöschen stehende Sonne, sondern ein blasser milchiger Ball, der die Landschaft in gespenstisches Licht tauchte. Doch das, was seinen Blick am meisten bannte, war die schlanke, in den Himmel weisende Silhouette des Sternenschiffs, das nur wenige Meter von ihm entfernt stand. Auf der gläsernen Oberfläche wurde die Umgebung tausendfach gebrochen und schimmerte in betörenden Regenbogenfarben. Ikondrar näherte sich langsam der einschüchternden Konstruktion. Auf der Oberfläche konnte er kondensierte Wassertropfen erkennen.

Er ging die schmale Treppe hinauf, die zu einer sich in der Schiffshülle schwach abzeichnenden Tür führte. Oben angelangt, öffnete sich die Tür mit einem bedrohlichen Fauchen und eröffnete den Blick in die fast absolute Dunkelheit des Schiffsinnern. Nur schwach waren die Konturen fremdartiger Technologie auszumachen, und Ikondrar spürte das Pulsieren mächtiger Energien.

Ikondrar betrat das Schiff. Hinter ihm schloss sich die Tür, und das erste, was er sah, als sich flackernd das Licht einschaltete, waren Hunderte von Skalpellen, die, von silbernen Maschinen geführt, auf ihn herabsanken und sich beinahe sanft in sein weiches Fleisch bohrten.

 

Korrellander betrachtete fasziniert das feine Gewebe von Ikondrars Gehirn, das jetzt neue, unverbrauchte Bilder für seine Traummaschine lieferte. Es würde ein wenig Abwechslung in seinen trist gewordenen Alltag bringen. Schon seit vielen Jahren war er der Welt überdrüssig geworden und sehnte sich nach neuen Erfahrungen und unverbrauchten Reizen.

Ikondrar in sein Anwesen zu locken hatte ihm viel Mühe bereitet, und der Verlust seines Doppelgängers schmerzte ihn sehr. Er hatte lange gebraucht, um aus entsprechenden Körperteilen ein brauchbares Ebenbild von sich zu schaffen. Doch Korrellander wusste, dass es die so gewonnenen Erfahrungen wert waren und der Preis dagegen verblasste.

Korrellander füllte ein prachtvolles Kristallglas mit einem tiefrotem Wein, hielt es prüfend ins Licht und bemerkte mit Gleichgültigkeit, wie der fleckige Sonnenball zu doppelter Größe herangewachsen war und sich scheinbar immer weiter ausdehnte.